Unter dem Vulkan
Die erste Nacht am Fuße des Vesuv ist unruhig, was jedoch nicht dem Vulkan angelastet werden kann. Der hat nach dem letzten Ausbruch 1944 gerade eine Ruhephase, wird aber weiterhin als aktiv bezeichnet und kann jederzeit ausbrechen. Seltsamerweise bereitet uns das keine schlaflose Nacht, das erledigen Alarmanlagen die ohne Unterlass Alarm schlagen, Verkehrsteilnehmer auf der nahen Hauptstraße die ihr schwaches Ego mit Hubraum kompensieren und morgens um halb 5 ein ausgesperrter Hüttenbewohner auf dem Platz der ausdauernd und lautstark Einlass in seinen Bungalow fordert. Gehör findet er nur bei allen anderen.
Nach dem morgendlichen Kaffee machen wir uns auf zum Treffpunkt für unsere Pompeii Führung. Den Campingplatz „Spartacus“ hat Ute taktisch gewählt, 5 Minuten bis zum Haupteingang. Eindeutig ein Touri Hotspot, lange Schlangen vor dem Eingang. Wir finden unsere Gruppe und kommen so an der Schlange vorbei bequem auf das Gelände. Die Eintrittskarte gibt schon einen Vorgeschmack auf das was uns erwartet.

Roxana klingt als hätte sie ein Reibeisen gefrühstückt, führt uns aber unterhaltsam durch die riesige ausgegrabene Stadt.
Im Jahre 79 entpuppte sich einer der umgebenden Berge als Vulkan und brach pyroklastisch aus. Innerhalb von 3 Tagen wurde die Stadt unter 5-6 Meter heißem Ascheregen (Hagel tritt es vermutlich besser) begraben. Diese Katastrophe entpuppte sich als Glücksfall für die Archäologie, da die Stadt mit ca. 20.000 Einwohnern für die Nachwelt konserviert wurde und so genaue Eindrücke des Lebens damals preisgeben konnte.
Roxana lässt die alte Stadt für uns wieder lebendig werden und erklärt dass es früher gar nicht so viel anders war als heute.

Direkt am Weg vom Hafen herauf in die Stadt lag die erste Kneipe um nach der langen Seefahrt die dringendsten Bedürfnisse zu befriedigen. Waren Hunger und Durst gestillt, konnte man sich dem widmen weswegen man hier war. Geschäfte machen und Handel treiben.
Dazu gehörte bei denjenigen die dabei besonders erfolgreich waren auch ein ganz spezieller Service der im Haus angeboten wurde. Erlaubt und besteuert, denn damals galt wie heute: Bezahlt haben die Bürger.

An vielen Beispielen wird klar, dass sich seit über 2000 Jahren bei den grundlegenden Sachen kaum etwas geändert hat. Fußbodenheizung, Sauna, Wasserleitungen (aus Blei) und Ventile für die Springbrunnen inclusive.


Prächtige Wandmalereien und teure Farben, Lapislazuli aus Afghanistan, damals wie heute wurde gezeigt was man hatte.

Das Zinnoberrot war extrem teuer und nebenbei aufgrund des enthaltenen Quecksilbers noch giftig dazu. Um sich den Tod vom Leib zu halten, prangten an vielen Häusern Phalli, die das Leben symbolisierten und Krankheit und Tod auf Abstand halten sollten.

Als wir an diesem Mosaik aus 2-3 Millionen Teilen ankommen, weiß ich endlich wozu der Geschichtsunterricht gut war. Als Roxana die hier dargestellte Keilerei bei Issos erläutert, habe ich davon schonmal gehört und das korrekte Jahr behalten😎
Das größte Haus im Ort beherbergt auch den Faun, den hatte ich mir irgendwie größer vorgestellt.

Zum Schluss bietet sich ein Blick durch die Ruinen zum Vesuv der sie erschuf und konservierte.

Roxana entlässt uns und empfiehlt noch das Amphitheater und die Ausstellung der Gipsabgüsse. Da die Menschen, die sich nicht durch Flucht retten konnten , von der Asche erstickt und eingeschlossen wurden, überdauerten in der aushärtenden Vulkanasche ihre Umrisse und Knochen. Durch ausgießen der Hohlräume mit Gips konnten diese Schatten der Vergangenheit bewahrt werden und sind nun hier ausgestellt.

Die Ausstellung bittet um schweigendes Betrachten. Ich kann kaum nachvollziehen dass das erwähnt werden muss, bin mit dieser Empfindung jedoch nicht unter ausschließlich gleich empfindenden. Es ist leiser als vor der Ausstellung aber gequatscht, mit den Kindern diskutiert und telefoniert wird trotzdem. Nicht alle nehmen den Tod der Anderen so ernst und wie anders ist zu erklären dass die Gegend hier überhaupt wieder besiedelt ist?
Auf dem Weg Richtung Ausgang kommen wir an einem der zahlreichen antiken Snack Shops vorbei, und bei diesem lässt sich der alte Glanz noch besser erkennen, da der Marmor hier nicht geklaut wurde und erhalten blieb. Vieles des wertvollen Baumaterials wurde im Lauf der Zeit leider „wiederverwendet“, wie Roxana uns wissen ließ.

Die Tour und die Menschenmassen haben uns mit der unruhigen Nacht zusammen ordentlich geschlaucht und wir legen uns erstmal ein Weilchen hin für ein Schläfchen im Bus. Gerade rechtzeitig zum Abendessen werden wir wach und dann endlich ist es Zeit für die erste wirklich neapolitanische Pizza.

Direkt am Campingplatz, nach nur 60 Sekunden im Ofen direkt serviert und oberlecker. Die kurze aber extreme Hitze erhält das volle Aroma und wir schwelgen im Geschmack von Hefeteig, Tomate, Basilikum und Mozzarella. Ute hat den Platz wirklich gut gewählt 😋
Beim nächtlichen Gang zur Toilette fällt mir der Fußbodenbelag auf, mir kommen Roxana‘s Worte in den Sinn.

