Monster in Bomarzo
Diese Überschrift lockte uns auf der Suche nach einer Tageswanderung am Wege nach Bomarzo, am nördlichen Rand des Latium.
Eigentlich hatte ich mit einer schwarzen Tour zum Lago della Duchessa geliebäugelt, dann lasen wir dass die Hälfte der Tour wegen einer Schutzzeit für Wild nicht gegangen werden kann und suchten nach Alternativen. Dass da Oben sehr warscheinlich noch Schnee liegt mag gerüchteweises ebenfalls ein Grund gewesen sein auf die Tour zu verzichten.
Die Überschrift versprach „Möstri“, das Bild dazu überzeugte mich vollends. Ohne groß weiterzulesen steuerten wir Bomarzo an.

Da die Kapelle gestern nicht sehr lang durchgehalten hatte und auch Hubschrauber und Hunde irgendwann zu Bett gingen, hatten wir eine erholsame Nacht und erreichten unser Ziel entsprechend ausgeruht.
Der angegebene Parkplatz für unsere Wanderung gehört zum Parco dei Möstri, dem Park der Ungeheuer. Um diese zu Gesicht zu bekommen wird Eintritt verlangt. Von dem Gelände schallen uns aufgeregte Kinderstimmen in Klassenstärke entgegen.
Ausgeruht wie wir sind wird uns klar dass wir vom Rother mit Monstern geködert wurden, die gar nicht zur Wanderung gehören und extra bezahlt werden müssen. Die akustische Freizeitpark Kulisse ist wenig verlockend, wir starten erstmal die Wanderung.

Bomarzo ist wie schon Vitorchiano gestern prominent auf einen Felsen gebaut worden und präsentiert sich zum Start der Tour als ansprechende Kulisse. Ebenso die netten kleinen Anwesen auf dem der Stadt gegenüberliegenden Höhenzug den wir nun entlangwandern.

Schnell wird es jedoch ländlich. Die Sonne brezelt schon sommerlich, aber die Luft ist am Morgen noch kühl. Sehr angenehmes Wanderwetter.

Am Ende des Höhenzuges steigt der Weg bergab und führt über einen Hohlweg in‘s Tal.

Im Tal verläuft allerdings auch die Autobahn nebst Bahntrasse mit entsprechender Geräuschkulisse. Wir fühlen uns vom Rother erneut getäuscht. Dass die Wegpunkte auf unserer Tour viel zu oft „Brücke“, „Umspannturm“ und „T-Kreuzung“ heißen hätte uns eine Warnung sein können.
Kilometerlang folgen wir nun einer Asphaltstraße und werden dabei noch von einem LKW überholt und in eine Staubwolke gehüllt. Nach einem Anstieg entkommen wir dem Autobahn Soundtrack, haben nun aber eine sehr lange Gerade vor uns, an deren Ende der Wegpunkte „Umspannturm“ auf uns wartet.

Immerhin kommt uns hier nur ein Traktor entgegen. Am Umspannturm biegen wir ab und kommen endlich von der Straße runter. Ich will mich gerade über die Streckenführung aufregen da sehen wir ein Schild an der Haselnussplantage.

Trüffel? Ich dachte das sind Haselnussplantagen die hier zu Hauf zu sehen sind? Eine schnelle Recherche bringt die Erkenntnis: Es ist beides. Trüffel bilden als Mykorrhizapilz eine Symbiose unter anderem mit Haselnuss-Sträuchern und versorgen die Hasel im Tausch gegen Nährstoffe mit Wasser. Beide profitieren und der Bauer kann beides ernten: Nüsse und Trüffel.
Wir sind nun schlauer aber immer noch hungrig. Statt Brücken und Umspanntürmen hätten wir lieber einen Picknickplatz. Nach mehr als der Hälfte der Strecke rollen wir einen Baumstamm auf den Weg und improvisieren uns eine Bank zum picknicken.

Der nächste Wegpunkt heißt „Siedlung“ und diesmal handelt es sich endlich um ein Highlight auf der Tour. Es ist eine weitere etruskische Siedlung deren Überreste hier zu sehen sind.

Das Hinweisschild am Eingang ist noch etwas unentschlossen, aber die Strukturen sprechen für sich selbst.

Zu den Liegestätten gibt es hier noch Nischen in der Wand und riesige Regale.

Nippes erfreute sich offenbar schon in vorchristlicher Zeit großer Beliebtheit.

Hier ist offenbar das ganze Plateau ausgehöhlt worden und alle paar Meter gibt es ein neues Loch im Berg – alle gegen versehentliches hineinstolpern in die etruskischen Hinterzimmer durch Geländer geschützt.

Eine der Kammern ist in eine Art Galerie verwandelt worden, in der naiv wirkende Kunst ausgestellt ist.

Die Texte dazu sind wenig aufschlussreich und erzählen beispielsweise die Geschichte vom Schwein und dem Esel.

Die Übersetzung macht entgültig klar, dass es sich hier nicht um etruskische Geschichten geht.
DAS SCHWEIN UND DER ESEL
Eines Morgens sah ein armer Esel ein Schwein namens Enrico auf dem Weg zum Schlachthof, brach in Tränen aus und sagte: „Adieu Bruder, wir werden uns nie wieder sehen, es gibt keinen Zufluchtsort!“
Man muss ein Philosoph sein, man muss.
Da sagte das Schwein zu ihm: „Halt ein, mach dich nicht lächerlich, vielleicht begeben wir uns eines Tages in einer Bologner Mortadella!“
So aufgemuntert schaffen wir auch noch die restlichen Kilometer bis wir wieder vor dem Park der Ungeheuer stehen. Um unsere Monster betrogen beißen wir in den sauren Apfel und investieren je 15€ Eintritt um uns den Sacro Bosco, den Heiligen Wald anzuschauen.
Vor etwa 500 Jahren hat hier ein Adelsspross einen Park angelegt, der mit so ziemlich allem brach was man damals unter einem italienischen Garten verstand. Die Inschriften der Steinskulpturen sind immer noch Gegenstand von Diskussionen und Versuchen Sinn in das Ganze zu bringen. Man hat sich wohl darauf geeinigt dass es am besten sei dass sich einfach jeder ein eigenes Bild davon macht, was das Ganze soll. Dem kann ich mich nur anschließen und mich eines Kommentars enthalten.











Wir beschließen dass der Eintritt sich gelohnt hat und dass selbiges auch für die Wanderung gilt. Wir haben ihr mindestens eine Trainingseinheit und eine Portion Ausgeglichenheit zu verdanken.
Inzwischen ist es 15:30 und die Sonne stärker geworden. Der kühle Wind fehlt. Ich koche schon fast wieder, es wird Zeit für das kühle Radler am Bus.

Das Radler zischt, aber ich bin immer noch genau richtig temperiert für ein kühles Bad im Fluss. Wir müssen aber erstmal wieder auf die Straße.
Italien ohne Shopping geht natürlich nicht, und so steuern wir ein Lederwarengeschäft an, dass uns 2018 bereits begeisterte und praktisch am Weg liegt.
Die etwas ungewöhnliche Warenpräsentation auf dem Fußboden darf nicht darüber hinwegtäuschen dass hier ausgefallene Schnäppchen zu machen sind.

An der Kasse erleben wir einen neuen Trick, der den Abschied von der Kohle wohl erleichtern soll. Die Einkaufstüte wird mit speziellem Parfum eingedieselt und riecht nun gut 🤪

Wir sind die letzten im Laden und hinter uns wird abgesperrt.
Da wirklich schöne Stellplätze bisher viel zu kurz kamen, haben wir für den Abend ein schönes Plätzchen am Fluss in der Nähe auserkoren, da fahren wir jetzt hin.

Ute bereitet schonmal alles vor damit ich gleich kochen kann, und ich bekomme endlich meine Abkühlung – kaum April aber hier ist es ab Mittags schon so warm dass man Abends noch das Verlangen spürt in kalten Bergbächen zu baden.

Da das heute der vorerst letzte Abend in Italien ist, gibt es nochmal Salat und Pasta. Toskanische Kekse zum Dessert, obwohl wir schon in den Marken sind.
Der Fluss wird heute Nacht hoffentlich die einzige Geräuschquelle sein. Ein paar Hunde kläffen noch los, aber die übertönt dass Wasser mühelos sobald ich das Dachzelt betrete. Gefühlt haben wir mal wieder im Wasser geparkt und der Bach fließt akustisch durch unser Dachzelt. Ich muss direkt nochmal austreten.

