Y Carneddau

Die Nacht war recht stürmisch und nicht nur einmal hatte Ute die bange Frage im Kopf, ob das Dachzelt bald zusammenklappt. Nachdem wir inzwischen mit so ziemlich allen Wassern gewaschen sind, nähern wir uns dem Zustand auch mit allen Winden geblasen zu sein. Mal sehen wie lange es dauert bis das eine Redewendung wird.

Nach einem Frühstück mit Müsli starten wir unsere Wanderung zu den Bergen gegenüber des Tryfan, den Carneddau.

Y ist im walisischen der bestimmte Artikel, entspricht also unserem der/die/das ist aber geschlechtslos. Da Carneddau mit einem Konsonanten beginnt, ist es nur das Y, sonst wäre es bei Vokalen (oder dem H) das Yr oder ein apostrophiertes r, wenn vorne ein Vokal stände. Gesprochen wird das Y wie das e am Ende von Danke.

Y Carneddau sind also die Carneddau wie die Bergkette abgeleitet von Carnedd = Steinhaufen heißt. Das Geschlecht des Wortes wäre erkennbar, wenn im Singular das Wort nach dem Artikel weich mutiert, von C nach G beispielsweise. Dann wäre es weiblich. Bei einem maskulinen Wort bliebe es hart. Ganz klassisch also.

Direkt zum Start – am Fuße des Tryfan – kann man schon die Bergkette sehen, deren Grat wir heute bewandern wollen. Zumindest den Teil der nicht in den tiefhängenden Wolken verborgen ist.

In so ziemlich allen Tourenbeschreibungen in dieser Gegend steht, dass die Orientierung bei schlechtem Wetter erschwert sein kann, und wir fragen uns, ob das heute so ein Fall wird.

Durch mit Farn überwucherte Hänge geht es bergauf, und der Blick zurück fällt auf den Tryfan, dessen hier zu sehende Nordseite wir zu Anfang unseres Urlaubs in Angriff nahmen.

Unser Hang hat einige schöne Wasserläufe, die ab und zu als kleine Wasserfälle zu Tage treten.

Nach einer Fläche die offenbar gerne moorig wird (und daher sehr professionell gepflastert wurde) folgt der erste felsige Aufstieg – a little bit of scrambling ist auch dabei.

Das macht uns heute richtig Spaß. Der Berg gegenüber war so schwierig angekündigt, dass wir dort sehr unentspannt waren – hier verläuft der Aufstieg in einer Rinne und ohne überraschende Tiefblicke trotz ähnlicher Schwierigkeit völlig entspannt.

Und das Allerbeste: Am Wegesrand sind die Heidelbeeren reif und zudem nicht abgeerntet.

Heidelbeersammlung

Die Beute wird selbstverständlich direkt verspeist und gibt einen willkommenen Energieschub für den weiteren Weg bergauf.

Klein aber lecker

Auch diese Runde führt um einen Karsee, der jetzt mit genug Höhenmetern hinter uns in Sicht kommt.

Auch ins Blickfeld rückt die Arena die jetzt vor uns liegt. Ein feiner Grat über mehrere Gipfel.

Ganz entgegen unserer Befürchtung ist es wolkenfrei und vor allem viel wärmer als gedacht. Wir hatten die anderen Wanderer die heute Morgen mit kurzen Hosen starteten im Vorbeigehen schon bedauert. Jetzt wünschten wir, wir hätten das Beispiel als Hinweis gelesen.

Das mit der wolkenfreiheit wird allerdings gerade noch verhandelt. Der Tryfan gegenüber ist kurz frei und zeigt seinen Nordgrat in ganzer Pracht.

Im Vordergrund ist unsere Aufstiegsroute von heute zu sehen.

Die Vegetationsgrenze lassen wir unter uns und wandern über die Bergkette nun auf griffigem blockigem Schutt. Auf Heidelbeeren müssen wir verzichten.

Aber nicht für lange. Nur wenige Meter tiefer auf dem Grat gibt es wieder Vegetation und interessante Tiefblicke mit scharfkantigen Graten. Heidelbeeren aber noch nicht.

Der nächste Gipfel wird wieder kahl und ist mit 1064m der höchste Punkt unserer Tour heute.

Damit haben wir in 3,5 Stunden 3 weitere Furths eingesackt. Den Pen yr Ole Wen (949m, Nr. 12), den Carnedd Dafydd (1044m, Nr. 4) und den Carnedd Llewelyn (1064m, Nr. 3). Der Tryfan gegenüber ist mit 918m übrigens der 34. und letzte der Furths die es auf den Inseln hier einzusacken gibt.

Nach den hohen Bergen führt uns der Grat nun wieder ins Reich der Heidelbeeren.

Vorbei an spektakulären Tiefblicken nähern wir uns dem Highlight der Tour.

Vor uns liegt der Bwich Eryl Farchog in seiner ganzen Pracht. Ein Berggrat der schöner kaum sein könnte.

Das muss man sich erstmal in Ruhe anschauen bevor man sich in das Abenteuer stürzt. Das sehen die Schafe ganz genauso.

Kurz etwas abscrambeln und dann können wir ihn betreten.

Nach dem Grat folgt ein letzter Anstieg auf den Pen yr Helgi Du, der mit 734m kein Furth mehr ist, aber eine wirklich vorzügliche Scrambelei bietet.

Höhenrekorde und Statistik sind eben nicht alles. Wirkliche Schönheit kommt ohne aus, und wird bei der Jagd nach Höhenmetern oder eingesackten Furths schnell übersehen.

Der Blick zurück ist im wahrsten Sinne atemberaubend.

In Ute‘s Fall war es die Kombination aus Schönheit und nervlicher Anspannung beim Scrambeln. Sie klettert zwar perfekt, aber die neuen Fähigkeiten sind noch nicht in die Komfortzone eingemeindet.

Der restliche Weg kommt da gerade recht. Gemächlich steigen wir über den grasigen Bergrücken ab und sind uns einig: Das war die beste Wanderung in diesem Urlaub.

Das perfekte Wetter und meine Imperfekte Kleidungswahl führen zu einem etwas überhitzen Oberstübchen. Zum Glück ist ein kühler Wasserlauf am Weg.

Prozessorkühlung

Der Weg zurück hat noch kuriose Weidegatter und schöne Aussichten zu bieten, so dass es auch in der Ebene nicht langweilig wird.

Tryfan zur Linken und die Carneddau zur Rechten

Vor allem ein Panorama der abgelaufenen Berglette am Schluss ist eine geniale Einrichtung. Hier kurz vor Ende der Tour nochmal den kompletten Weg in der Totalen anzuschauen ist einfach die Kirsche auf der Sahnetorte.

Zurück am Bus werden als allererstes die Laufwerke ausgelüftet, eine weitere Wohltat nach 7 Stunden in den Bergen.

Als inzwischen bewährtes Ritual nach Rother Wanderungen steht ein weiterer Test von Burgerfleisch an. Wagyu gab es nicht, aber Dry Aged Angus reiht sich zwar hinter Wagyu aber vor dem normalen Angus ein.

Während wir essen spazieren zwei Hühner um den Tisch. Ob denen klar ist dass wir noch zwei Burger Buns übrig und den Grill in Reichweite haben?

Chickenburger zum Dessert?

Wir lassen die Hühner ziehen und genießen lieber eine Dusche, die ohne Münzeinwurf und Zeitdruck auskommt. Der weltklasse Campingplatz wächst uns zwar langsam aber doch ans Herz.

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